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von
Andrea Simmen
(francais)
 

Einer dieser Flimmertage, die Luft schien zu zipperln, selbst die Schwalben waren still und suchten im Zickzackflug verzweifelt nach Insekten, die Hunde angebunden an schweren Ketten lagen ermattet vor ihren Hütten, vibrierten und hechelten, bläulich schimmerten die Berge, obwohl mit Farn überwachsen, und einige fratzenhafte Kastanienbaumstrünke, angekohlt von den immer neu entfachteten Waldbränden, fingerten in den knütschblauen Himmel. An den Hängen klebend, kleine Dörfer, das ganze Tal hinauf und in jedem Dorf eine Kirche, mit geweihten Glocken, die, weil es Samstag war und der Sonntag folgen sollte nun bimmbelten, nicht bombastisch wie die protestantischen Glockenschläge, die einem sturm im Kopf machen mit ihrer Mahnung, ja nächsten tags nicht auszuschlafen und mit vielen hüstelnden Menschen einer Predigt zu lauschen. Nein, hier bimmbelten sie fast rührig (nicht rühlin) und eine Feierlichkeit und Rausgeputzheit bereitete sich über das Tal, wie ein seidiges Tuch über einen Ikeastuhl.
Die kurvenreiche Strasse war mit Bäumen gesäumt, eine Rarität in diesem Teil der Schweiz, doch hier muss irgendein kluges Kerlchen gemerkt haben, dass Schatten eine beruhigende Wirkung auf erhitzte Köpfe haben kann, und pflanzte deswegen von der oberen Kirche bis zur Unteren einige Dutzend Pappeln rechts und links der schmalen Strasse und so fanden die unzähligen Prozessionen im Kühlen statt.
Ständig wurde die heilige Maria verschoben, keiner konnte sich entscheiden in welchem Gotteshaus es der grossen, hölzernen Statue wohl besser gefiele, in der oberen weit prunkvollerer oder in der unteren weit kühleren Kirche.
Ein Samstag im Sommer vor ungefähr dreissig Jahren, der Pfarrer schritt vorne, er betete, hielt den Kopf nach unten geneigt und sein Gewand war staubig, ihm folgten die Meßdiener die Fahnen trugen und hinten wankten die sechs stärksten Männer des Dorfes, alle aus der reichsten Familiensippe, unter der Last der aufopfernden Maria, die bedenklich auf ihrem Podest schwankte, den Kopf tapfer, trotz der Höhe, dem Himmel zugereckt, die Hände gefaltet und die gemalten Augen im weissen Gesicht weit geöffnet. Die ganze Dorfgemeinschaft folgte dem Zuge im mässigem Schritt und sang Kirchenlieder, drei Frauenstimmen überflügelten den Chorgesang der Hiesigen und liessen mich beglückt erschauern. Zuhinterst folgte die Dorfmusik, es roch nach Weihrauch und mitten in diese Prozession, die ganze Strasse war menschenbevölkert, fuhr Reini Rühlins kleines, rotes Auto, keine Möglichkeit zu wenden, an die Strassenseite auszuweichen oder weiter zu fahren, das einzige das getan werden konnte war, den Motor abzustellen, sich hinter dem Steuer klein zu machen, sich ein wenig zu genieren, denn ein bisschen peinlich war es dem Maler schon mit seinem Gilet und der qualmenden, selbstgedrehten Zigarette. Die Prozession blieb bei der unteren Kirche stehen, die Dorfmusik gruppierte sich, und der einäugige Klarinettist, der Trompeter mit dem verbeulten, schmierigen Hut, der Oergeler mit dem Klappstuhl lösten mit ihren traditionellen Tessinermelodien den Kirchengesang ab und unter diesem Geschmetter fuhr nun der Kunstmaler strahlend ins Dorfe ein. Stürmische, herzliche Begrüssung im Hause der Gastgeber, mindestens 20 Gläser für die Erwachsenen und acht für die Kinder mussten gebracht, gefüllt und nachgeschenkt werden, obwohl es fünfhundert Grad im Schatten war, wurde ein riesiges Grillfeuer angezündet, die Frauen brachten Salate, die Hunde tollten herum und markierten Palmen und Hortensien, die Katzen klauten Würstchen, wir Kinder schrien vergnügt, rammelten und tanzten ungeschickt zu Rollings Stones Musik die aus einem Recorder schepperte. Tische wurden zu einer langen Tafel zusammen geschoben, kunterbunt gedeckt, billiger Frascatti mit Wasser gespritzt es roch nach gebratenem Fleisch, Aschenbecher überquollen, wir Kinder nutzten die Gelegenheit bettelten um Gelatis, viel wurde gelacht, irgendwann leuchteten Sternchen am Himmel und die älteren Semester grabschten nach ihren Jäcklein, die Jüngsten wurden zu Bett gebracht, die grösseren Kinder taten das einzig richtige, verstummten, benahmen sich unauffällig und hörten dem Gequassel der Erwachsenen zu, schnappten Stichworte wie Kunst, Literatur, Rezeptideen, Klatsch, Veränderung, Krawall auf, es war das Jahr 1968, bis es um die sogenannten heiklen Punkte ging und dann wurde urplötzlich unsere Anwesenheit bemerkt und wir wurden zum Schlafen geschickt.
Der Maler hatte rote, hennagefärbte, halblange Haare, trug einen Schnauz, verwaschene Hosen und Leibchen. Wie die meisten Erwachsenen in unserem Haus, schlief er lange aus und trank morgens viel Kaffee, irgendwie gähnend, ein wenig verknittert und fahl im Gesicht und später drehte er seine Zigaretten, trank Wasser, lümmelte im Garten, manchmal zeichnete er, doch das war nichts besonderes, denn wir zeichneten auch vorallem, wenn die heftigen Gewitter im Tal stecken blieben und sich keiner finden liess, der mit einem Eile mit Weile spielen oder durch den Regen tanzen wollte. War es schönes Wetter, trafen sich die "Grossen" zum Apero und das Allerwichtigste wurde besprochen, nämlich, was essen wir heute, und da die Männer sich drückten, hasteten halt wieder die Frauen in den kleinen Laden und in die Metzgerei, füllten die Taschen, irgendwie fußten noch nicht alle Aufbruchgedanken, die Männer spielten Schach, zogen fürchterlich, konzentrierte Gesichter und schrien uns wie blöd an, wenn versehentlich ein Ball aufs Schachbrett flog. Nach dem Mittagessen wurde Kaffee mit Grappa getrunken, die Eltern und ihre Freunde wälzten sich mit Krimis, Emanzipationsbüchern und nackten Beinen in den Liegestühlen und wir mussten ruhig sein und warteten unter der glühende Sonne, gelangweilt den Mittag ab. Kurz vor dem Nachtessen wurde es kühler im Dorf, unsere Sternstunde kam, die Erwachsenen spielten mit, die ganze Ortschaft wurde zum Spielplatz, in den Hinterhöfen, hinter Mauervorsprüngen und in verfallenen Schuppen fanden sich prima Verstecke, da wir Nummern auf dem Rücken befestigten und es galt, so viele Gegner wie möglich zu entlarven, musste auch angegriffen werden. Da raste und schrie unsere Gemeinschaft im Dorf herum, die Tagestouristen schüttelten ihre Köpfe, die Einheimischen lachten, meist spielten ihre Kinder mit, und freuten sich an dem närrischen Gebaren. Der Maler mit den roten Haaren war außergewöhnlich, das wildeste Kind von allen, er hüpfte als wäre er aus einer Ziegenschar ausgebrochen, er schlich sich an und erschreckte einem, dass die Knie schlotterten, das Herz auf die Strasse hopste und man überzeugt war niemals mehr einen Laut von sich geben zu können, er liess sich erwischen und wir kitzelten ihn aus, er blödelte mit uns, ein wirklich toller Spielgefährte, irgendwann war Durstlöscherzeit und die ersten Lughanige platzten auf dem Grill.
Zugegeben ich bewunderte den Maler, er strahlte etwas frisches, freches, unkonventionelles aus, er lebte in den Tag und in die Nacht hinein, an den Fingern trug er silberne Ringe und roch nach einem speziellen Tabak, natürlich brachte er auch Freundinnen mit und die standen mit ihren geschmeidigen Körpern herum, einfach so richtig saublöd und ich hasste diese Geschöpfe. Manchmal begleitete ich Reini mit seiner Flamme ungefragt auf einem Spaziergang , was wohl den Kunstmaler nicht gerade beglückte, obwohl ich ihm fröhlich, mit Schulanekdoten den Kopf vollquatschte.
Einmal trieben sie es zu weit, auf einem lauschigen, sonnendurchfluteten Plätzchen hockte Reini mit einer Gespielen, auf einer Wolldecke, das Pärchen küsste sich feucht und streichelte sich gegenseitig die nackten Oberkörper, ich kauerte in meinem Versteck, wurde schlagartig katholisch vom Feinsten und wütend verliess ich meinen Beobachtungsort. Ich sann auf Rache, während dem Nachtessen stahl ich geschickt Reinis Holder ein Feuerzeug aus der Tasche. Weder wurde meine scheußliche Heimzahlung noch mein melancholischer Ausdruck bemerkte, typisch Erwachsene sie verstehen nichts von Eifersucht, Zuneigungsgefühlen und all diesen komplizierten Sachen, das einzige, dass sie können ist Wein trinken, rauchen und den Abend zerreden.

Draussen ein Wetter, Sturmboen, Wolkentreiben, eisig die Bise, Laubblätter faulten am Boden, die Stare seit Wochen weggezogen und auf der Einkaufsliste letzten November war bereits notiert; Vogelfutter. Brennende Kerzen auf dem Tisch, und so das übliche Aschenbecher-, Stereofernbedienung-, Bücherpuff daneben. Das Telefon klingelte und grosse Ueberraschung, Reini Rühlin und seine Lebensgefährtin waren in der Nähe. Über zwanzig Jahre nicht gesehen, wie sieht er aus, sie, braucht es Erkennungszeichen; rote Nelken im Revers. Erinnerte mich an eine Bleistiftzeichnung von ihm, Singvögel die auf durchhängenden Freiluftspanndrähten hocken und warten, auf ihren Abflug, den Partner, die Nacht, die Bauequipe die, die Drähte unterirdisch verlegen sollte oder sahen sie durchziehenden Erinnerungen nach.
Natürlich erkannten wir uns wieder, keine roten gefärbten Hennahaare mehr und irgendwie noch dünner, doch die Augen mit Schalk strahlten und wir sassen und tranken Wein und Bier und alle vier Anwesenden babbelten durcheinander, vom Schnapsbrennen, von Schweisstechniken, fragten nach gemeinsamen Bekannten, bereisten Städten, ergründeten den schweizerischen Kulturbetrieb, erzählten gelebte Anekdoten, Ideen wurden ausgetauscht, Zukunftspläne erörtert . Dazwischen kam meine Tochter nach Hause, erfreute sich am Canabisduft, erzählte sprudelnd, gigelnd von einem Amsterdamerlebnis, draussen wurde es dunkler, Reini und ich hielten uns im Garten auf, die Bäume, Büsche kahl, die Katze streifte durch das Gras, Hunde markierten den Sitzstein, nahe standen wir nebeneinander und redeten ein wenig über die Liebe mit ihren komischen Beimischungen, die Bise zwackte hartnäckig durch die Kleider, kurz darauf fuhren Reini und seine Partnerin nach Hause.

Ein wunderschöner, spritziger Abend, wie seinerzeit und doch anders, ein wenig melancholische betrachtete ich die Zündholzschachtel, die er damals zeichnerisch in ein teures, silbernes Feuerzeug wandelte und ich behaupte mal mir schenkte oder?

Andrea Simmen ist Schriftstellerin und lebt in Winterthur



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